Der Wittgenstein-Preis

 

Die Gründung des MMRC wurde dadurch ermöglicht, dass Ursula Hemetek 2018 den Wittgenstein-Preis erhielt. Der Wittgenstein-Preis wird jedes Jahr vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) an herausragende Forscher_innen vergeben. Die Zuerkennung an Ursula Hemetek stellte in mehrfacher Hinsicht eine Premiere dar: seit der Einführung des Preises im Jahr 1996 war es nicht nur das erste Mal, dass die Auszeichnung an eine*n Wissenschaftler*in aus dem Bereich der Ethnomusikologie ging, sondern auch das erste Mal, dass ein*e Forscher*in an einer Kunstuniversität diese hohe Auszeichnung erhielt. Umso mehr ist es auch von Bedeutung, dass durch die Einrichtung des MMRC an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien gerade auch die Forschung an dieser Universität wichtige weitere Impulse erhält.

 


 

Projektbericht:

Laufzeit: 2019 - 2026

Dank des Wittgensteinpreises 2018 konnte ein florierendes Forschungszentrum aufgebaut werden: das Music and Minorities Research Center (MMRC) an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Das MMRC beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle Musik in den Beziehungen zwischen hegemonialen und marginalisierten sozialen Gruppen spielt. Die Definition von Minderheit basiert also nicht auf Zahlen- sondern auf Machtverhältnissen. Die Forschung des MMRC umfasst die lokale, nationale und globale Ebene und berücksichtigt gesellschaftspolitische Bedingungen und historische Perspektiven. Die Mechanismen der Marginalisierung wie auch die Bedeutungen des Minderheitenbegriffs unterscheiden sich weltweit stark. Als einer seiner Grundpfeiler richtet sich das gesellschaftspolitische Engagement nach den jeweiligen Rahmenbedingungen.

Seit der Zentrumseröffnung im November 2019 wurden mit den Fördergeldern zahlreiche Forschungsprojekte durchgeführt, die internationale Spezifika beleuchten („Ethnic and Social Minorities in China“), sich mit brennenden Problemen der Gegenwart beschäftigen („Music in the Experience of Forced Migration from Syria to the European Borderland“), aber auch mit lokalen Ausprägungen von Musik und Ungleichheit („Klingender Gemeindebau“, „Ružake gila – Ružas Lieder – Ruža’s Songs“, „Challenging the Theater of Memory. Yiddish Song beyond Kitsch and Stereotype“). Dabei kam ein breites Spektrum sozial- und geisteswissenschaftlicher sowie künstlerisch-forschender Methoden zum Einsatz.

Ein zentrales Ziel war von vornherein die Förderung von Nachwuchsforschenden. Dazu wurde eine Infrastruktur etabliert, die nicht nur als Forschungsstätte dient, sondern durch Anschubfinanzierung und Beratung bei der Drittmitteleinwerbung unterstützt. Diese Strategie ermöglichte weitere Drittmittelprojekte am MMRC, die das Forschungsfeld wesentlich erweiterten (Forschungsprojekte in Ghana, Indien und Namibia, zu Gehörlosenchören sowie zur ex-jugoslawischen Musikszene in Wien).

Die Veranstaltungen des MMRC dienen dem Austausch in der Forschungscommunity wie dem Dialog mit einer breiten Öffentlichkeit. Bei der jährlichen MMRC-Lecture treffen Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Disziplinen auf künstlerische Impulse und eröffnen so neue Sichtweisen auf ein gemeinsames Thema. Das Format stößt vor Ort wie online auf großes Interesse.

Ebenso etabliert sind die Symposiumsformate des MMRC. Die dialogisch angelegten Symposien „Macht der Musik“ (2022) und „Between Research and Activism“ (2026) brachten lokale Aktivist*innen und internationale Forschende zusammen und schufen einen Raum produktiven Austauschs gesellschaftspolitisch engagierter Forschung.

Die Dissemination der Forschungsergebnisse erfolgte auf internationalen Konferenzen sowie in vielfältigen Publikationsforen. Das Online-Journal Music & Minorities wurde 2021 gegründet und wird als Diamond-Open-Access-Journal herausgegeben. Es ist das erste Journal mit einem Schwerpunkt in Music and Minority Studies. Die in unregelmäßigen Abständen erscheinenden Special Collections sind eng mit Forschungsprojekten am MMRC verbunden, bündeln internationale Expertise und setzen Schwerpunkte im wissenschaftlichen Diskurs. Besondere Expertise erarbeitete sich das MMRC in der Erstellung digitaler Ausstellungen, zwei wurden bereits publiziert („Ružake gila“ und „Objects and the Archive“).

Das MMRC ist heute ein Forschungszentrum mit internationaler Strahlkraft und ausgeprägter lokaler Verankerung, das starke wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Impulse setzt. Dabei sucht das MMRC den Austausch mit institutionellen Kooperationspartner*innen sowie engagierten Initiativen und Interessensvertretungen aus den jeweiligen Communities.