GRUNDLAGEN


Forschungsfrage

Das MMRC beschäftigt sich mit der Frage, welche Rolle Musik im Kontext der Beziehungen zwischen hegemonialen und marginalisierten sozialen Gruppen innerhalb von Gesellschaften spielt. Was sind die (sich ständig verändernden) Bedeutungen und Werte von Musik von und für marginalisierte Gruppen und Einzelpersonen?

Dies umfasst die lokale, nationale und globale Ebene unter Berücksichtigung gesellschaftspolitischer Bedingungen, einer historischen Perspektive und der Einflüsse dominanter Gruppen. Ebenso spielen sowohl ethnomusikologische Forschung als auch gesellschaftspolitisches Engagement eine gleichermaßen wichtige Rolle in der Arbeit des MMRC.

Es gibt mehrere Forschungsbereiche, die sich derzeit herausbilden, aufgrund der Interessen der dem MMRC verbundenen Forscher_innen, aufgrund politischer Realitäten, sowie aufgrund der Expertise, die im Laufe der Jahre an der mdw entwickelt wurde.
 


Minderheitenbegriff

Einer unserer zentralen Begriffe ist jener der Minderheit. Unter Berücksichtigung der Fluidität des Minderheitenkonzepts schlagen wir die folgende Definition als Arbeitsinstrument vor. Wir gehen davon aus, dass zukünftige Forschungen neue Erkenntnisse bringen werden:

Der Begriff Minderheit bezieht sich auf Gemeinschaften, Gruppen und/oder Einzelpersonen, die aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Sprache, Geschlecht, sexueller Orientierung, Behinderung, politischer Meinung, Vertreibung, sowie sozialer oder wirtschaftlicher Benachteiligung einem höheren Risiko der Diskriminierung ausgesetzt sind. Diese Identitätsmerkmale überschneiden einander häufig. Aufgrund der Unterschiedlichkeit der Diskriminierungsmechanismen und der historischen Entwicklung bestimmter Gruppen entstehen unterschiedliche gesellschaftspolitische Agenden. Minderheiten können nur in Relation zu einer dominanten Gruppe definiert werden, da diese beiden Pole einander im hegemonialen Diskurs gegenseitig definieren. Dieses Verhältnis ist ein Machtverhältnis, kein zahlenmäßiges.

(Basierend auf der aktuellen Definition der ICTM Study Group on Music and Minorities, www.ictmusic.org/group/music-and-minorities, 6. August 2019).
 


Leitprinzipien

Das MMRC erkennt unterschiedliche Zugänge zur Erforschung von Musik und Minderheiten an. Aktuell orientiert sich das Forschungszentrum an diesen Leitprinzipien:

Engaged ethnomusicology

Es gibt unterschiedliche Definitionen von Engaged/Applied Ethnomusicology. Am MMRC sehen wir Engaged Ethnomusicology als philosophischen Ansatz in der Erforschung von Musik und Kultur, der soziale Verantwortung und soziale Gerechtigkeit als wesentliche Ziele verfolgt. In der Praxis sucht eine derart engagierte Forschung nach Möglichkeiten, auch außerhalb des universitären Bereiches eine Zuhörer_innenschaft zu finden. Sie möchte zur Verringerung von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt durch den Einsatz von kulturellen Ausdrucksformen, insbesondere Musik, beitragen. So ermöglicht Engaged Ethnomusikology die Förderung dessen, was von allem Anfang an das Anliegen der ethnomusikolgischen Minderheitenforschung war: Diskriminierungen zu bekämpfen, Respekt zu fördern und die Gesellschaft insgesamt durch die Erforschung von Musik zu beeinflussen. Das MMRC beabsichtigt, in einem breiteren sozialen Bereich zu agieren, in Bezug zu den Dynamiken in der österreichischen Gesellschaft insgesamt und auch auf internationaler Ebene – in Richtung verschiedener sozialer Akteur_innen wie Politiker_innen und Entscheidungsträger_innen und ebenso einer breiteren Öffentlichkeit.

Dialogische Wissensproduktion

Während das angesprochene Prinzip die Frage stellt, wer von ethnomusikologischem Wissen profitiert, stellt sich als nächste Frage, wie dieses Wissen produziert werden soll. In dieser Hinsicht ist die ethnomusikologische Methodik spezifisch: Etnomusikolog_innen arbeiten mit Menschen und mit deren Musik, um einerseits zu verstehen, wie diese Musik funktioniert, und andererseits, und um Wissen darüber zu produzieren. Das MMRC versteht Feldforschung als einen Prozess, der unterschiedliches mitgebrachtes Wissen umfasst – das Wissen der Forschungspartner_innen ebenso wie jenes der Forscher_innen. In einem kollaborativen Ansatz bringen alle beteiligten Personen zum Ausdruck, was sie beizutragen bereit sind. Unterschiedliche Perspektiven auf Wissensproduktion werden unter Einbeziehung aller Akteur_innen verhandelt. In diesem Sinne bleiben die Ergebnisse und Formate, die aus dem Forschungsprozess resultieren, Gegenstand kontinuierlicher Auseinandersetzung. Dies ist die Vision des MMRC hin zu dialogischen Wegen der Wissensproduktion mit dem Ziel, die hierarchische Unterscheidung zwischen Forscher_innen und „Forschungsobjekten“ zu verwischen und letztendlich aufzulösen.

Machtungleichgewichten entgegenwirken

Es besteht das Bewusstsein, dass es Strukturen gibt, die Machtungleichgewichte und Hegemonie erzeugen und aufrechterhalten, beispielsweise struktureller Rassismus, Kolonialismus und Heteronormativität, auch in musikalischen Zusammenhängen. Das Forschungszentrum denkt ethnomusikologische Theorien und Methoden neu, um Zugänge, die solche Strukturen stützen, sichtbar zu machen und zu vermeiden. Wissenschaft wird in enger Zusammenarbeit mit Aktivist_innen und Communities gesehen, indem von diesen Themen vorgeschlagen und gemeinsam neue Lesarten davon entworfen werden. In der Forschung des Zentrums wollen wir unsichtbare Normen aufdecken, die sich aus hegemonialen Konzepten ableiten, und uns damit befassen, wie sie in musikalische Praktiken eingebettet sind.